Bericht von Felix Welzenbach

Schneejagd am 15.Januar 2004

 

Nachdem Marco und ich diesen Winter noch wenig mit Schnee verwöhnt wurden, beschlossen wir eine Chasingtour in den Alpen, um einmal in den Genuss von 75er Schneefall zu kommen. Zunächst wollten wir recht früh aufstehen, um eine größere Rundfahrt zu unternehmen – nach der Absage von Helge und Stefan setzten wir uns keinen festen Termin mehr. Nun – es wurde später, als wir es wollten und wir fuhren erst um halb eins in Stuttgart los und hofften daher nur, die Alpen wenigstens bei Tageslicht zu erreichen.

Die Wetterlage war recht hoffnungsvoll.

Auf der Rückseite von Tief „Hanne“ floss polare Kaltluft nach Südosten,

dabei sollte die Temperatur langsam auf unter –5 °C in 1200m sinken (in der Höhe unter –30), an den Alpen kam es aufgrund der strammen Nordwestströmung zu Stauniederschlägen, die oberhalb etwa sechshundert Meter als Schnee fielen.

Auf der A 8 zwischen Stuttgart und Ulm zeigten sich in der Schwäbischen Alb die ersten Zeichen des Wintereinbruchs (in den höheren Lagen), die Schneedecke wuchs mit jedem Meter weiter an und erreichte in knapp 800m auf der europäischen Wasserscheide etwa fünfzehn bis zwanzig Zentimeter. Ab Ulm auf der Leeseite der Alb verschwand der Schnee schlagartig und die weiße Winterlandschaft wich einer grünen Ebene, die von der zunehmenden Sc und St -Bewölkung grau unterlegt wurde. Daran konnte auch zeitweiliger Graupel nichts ändern, denn die Temperaturen lagen zwischen zwei und drei Grad Plus.

Hinter Memmingen änderte sich langsam das Bild und das Grün wich einem pudrigen Weiß, je mehr wir uns den Alpen näherten. Vor Kempten wurde es dann schlagartig Winter, aus zwei bis drei Zentimetern wurden zehn, dann zwanzig, wir verließen die Autobahn, deren Spur von zwei auf eine halbe geschrumpft war, etwa zwanzig Kilometer vor Füssen.

Zwischen Seeg und Hopferau machten wir das erste Mal Pause, um den Schnee unter den Füßen knirschen zu hören, die Bewölkung hatte direkt am Alpenrand weiter zugenommen, in den Bergen dicke Fallstreifen, im Westen Auflockerungen ,die von neuen Quellungen überdeckt wurden, eindrucksvolle Cu congesti und Cbs bestimmten das Alpenpanorama, immer wieder beschleunigte die Entwicklung der Bewölkung und es ergoss sich weiße Farbe in die ohnehin schon tief verschneite Landschaft:

Die Straßen waren zumeist schneebedeckt und die Räumfahrzeuge hatten Mühe, die Fahrbahn freizuhalten, so dass der Verkehr am Ende nur noch kroch ob der in kurzer Zeit fallenden Schneesmassen

Von Westen nahm die Bewölkung langsam zu, der Schneefall ging in 72er über.

Der obligatorische Fußmesshöhentest durfte nicht fehlen:

Es ergaben sich etwa fünfzehn bis zwanzig Zentimeter, je nach Lage und Grad der Verwehung. Denn es wehte weiter ein böiger, in Böen starker bis steifer Nordwestwind, der uns mächtig zittern ließ.

Ein kleiner Berg gab uns zunächst Schutz bei herannahendem stärkeren Schneefall, wir rechneten eigentlich damit, dass dieser aus dem anhaltenden Stauniederschlag resultierte und demnach für längere Zeit anhalten wurde.

Doch plötzlich schneite es immer heftiger und die Sicht sank innerhalb Minuten auf wenige Hundert Meter, ww73 also (mäßiger Schneefall ohne Unterbrechungen).

Auch dieser steigerte sich noch und bald flockte es 75er Schneefall bei allmählich auffrischenden Winden aus West bis Nordwest,

der uns dazu brachte, uns dick in unsere Jacken einzumummeln, mit Stirnband und ohne Mütze wahrlich kein Vergnügen, wenn die gefühlten Temperaturen weit unter Null Grad sinken:

Abrupt frischte der Wind stark auf mit steifen Böen und der anhaltende Starkschneefall entpuppte sich als veritabler 86er (starker Schneeschauer), der nur wenige Minuten anhielt, aber sich hinterher als recht dynamisch präsentierte:

Richtung Pfronten war Bewegung in den Fallstreifen und den St -pra- panni, mich erinnerte der Anblick an die pyroklastischen Züge bei Vulkanausbrüchen, die als rasendes, alles vernichtendes Gemisch aus Asche, Lava und Geröll donnernd ins Tal rollen und alles auf ihren Wegen verschlingen.

Es wurde langsam spät, und wir fuhren zwischen den Schauern durch, wobei die Alpen ein prächtig eingeschneites Panorama boten, unser Ziel war Füssen, und so bekam ich zum ersten Mal die Königsschlösser in tief verschneiter Ambiente zu Gesicht, die sich kontrastreich von der Umgebung abhoben.

Mal mehr,

Mal weniger ;-)

Dennoch märchenhaft schön

Hinter Füssen zog es uns nocheinmal näher zu den höheren Bergen und so machten wir einen letzten Abstecher zum Alpsee, der von drei Seiten hochgebirgig eingeschlossen ist – der Wind ist verstummt, die hektische Großstadtzivilisation ist fern, es herrscht absolute Ruhe, nur das Knirschen unser Stiefel im frisch gefallenen Schnee stört diese beruhigende Einsamkeit abseits von lärmenden Autoverkehr und wildgewordenen Touristen. Wir genießen es minutenlang – ab und zu knackt ein Tür im Wald, ein Vogel musiziert, es ist Natur in seiner Urform.

Von der Windseite her auch natürlich geformt diese Fichte, die in den See hineinzulugen scheint.

Der See lauscht still unseren Gedanken

Auf dem Rückweg vom Alpenrand dieser wunderbar stimmige Sonnenuntergang mit dezenten Farben:

Ein letztes Mal ist etwas von der ruhigen, unberührten Natur zu spüren, ehe man sich wieder in den Zug zur Zivilisation setzt.

Die Überraschung folgt auf den ersten Kilometern zwischen Füssen und Kempten auf der Autobahn, die krepierenden Schauer im Westen, die schwächlich versuchten, die Luvseite der Berge zu erreichen, gewannen erneut an Kraft und bescherten uns einen weiteren 86er auf dem Weg nach Nordwesten:

Der Verkehr erstarb fast im dichten Flockenwirbel – so konnten wir die Gelegenheit nutzen und (bei eingeschaltetem Warnblinklicht natürlich) einen kurzen Halt einlegen, in denen ich noch einmal Bilder schoss:

Doch dann hörte auch der Schneefall langsam auf und wir mussten unausweichlich die Ausfahrt nehmen

die Abfahrt von einer mit fünf Stunden An/Abreise und anderthalb Stunden sehr kurzen, aber sehr beschaulichen Chasingtour im Schnee. Wie Marco es treffend bezeichnete: „quickly chasing“ – knapp, aber effektiv :-)

Ich hoffe, Euch haben die Bilder gefallen , aus Gründen der Ästhetik habe ich manche nicht weiter verkleinert, um nicht ihren Reiz zu zerstören.

Uns hat es jedenfalls viel Spaß gemacht und es war wohl die letzte Gelegenheit für einen Flachländer bzw. Großstädter so kräftige Schneeschauer und hohe Schneedecken zu betrachten.

Gruß,
Felix