Zur außergewöhnlichen Hitze über Südwesteuropa am 26.Juli 2004

 

Normalerweise weht in den Regionen, wo sich auch die Kanaren befinden der Nordostpassatwind, der  zwischen dem Azorenhoch und der innertropischen Konvergenzzone entsteht. Die synoptische Lage zum 26. Juli 2004 war nun aber die, dass sich über dem Ostatlantik aus einem Langwellentrog ein CUT-Off-Höhentief gebildet hatte, das zusammen einem Bodentiefkern etwa bei den Azoren zu liegen gekommen war. Gleichzeitig herrschte niedriges Geopotenzial über dem östlichen Mitteleuropa, so dass sich von Marokko über Spanien bis zu den Britischen Inseln ein Hochkeil aufwölben konnte.

In der folgenden Grafik ist die das Geopotenzial 500 hPa-Fläche dargestellt (Druckverhältnisse in ca. 5400 bis 5700 Metern über NN.) sowie der Bodenluftdruck. Über dem Westteil des Atlasgebirges hatte sich vorderseitig des erwähnten Hochkeiles eine Hochzelle gebildet.

 

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Ich habe mit gelben Pfeilen die Strömung markiert, die um das Bodenhoch herumgeführt wurde. Man erkennt eine ausgeprägte östliche bis nordöstliche Bodenströmung am Südrand der Hochzelle. Übrigens gab es an diesem Tage südlich davon über der Mitte Algeriens im Zusammengang mit einem Hitzetief einzelne Gewitterbeobachtungen.

Schauen wir nun auf die 850 hPa-Fläche (ca. 1400 bis 1600 Meter über NN). Es folgt zunächst eine Karte mit den Windfahnen für dieses Druckniveau (GME-Prognose 26.07.2004, h+12). Wenn man die Windfahnen näher betrachtet, lässt sich westlich von Madeira ein Hochkern erahnen, um den die Strömung herumgeführt wird (markiert mit gelben Pfeilen). Die stärkste Strömung herrschte im Bereich des größten Druckgradienten zwischen Westmarokko und dem Seegebiet zwischen den Kanaren und Madeira.

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Die obigen Windkarte für 850 hPa sowie die unten folgende Temperaturkarte für 850 hPa zeigen übrigens zusätzlich, dass in den gesamten mittleren Mittelmeerraum rückseitig des Mitteleuropatroges ein Schwall  kühlerer Luft transportiert wurde. Dies wirkte sich sogar bis nach Nordostalgerien sowie Nordtunesien aus. So verschob sich auch aus diesem Grund das Maximum der 850 hPa-Werte über dem Norden Afrikas etwas weiter westwärts.

Südlich der beschriebenen Hochkerne am Boden sowie in 850 hPa wurde nun extrem heiße Luft mit dieser Ostströmung vom Nordwesten Afrikas heraus Richtung Atlantik befördert. Alsbald waren die Kaneren, Madeira sowie der Süden der Iberischen Halbinsel von sehr hohen 850 hPa-Werten überflutet.

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Es folgt nun ein eindrucksvoller Radiosondenaufstieg aus Teneriffa (Kanaren) vom 26.07.2004, 12 UTC. Durch den Meereseffekt wurden an der Station selbst die 850 hPa nicht trockenadiabatisch umgesetzt. Dennoch werden trotz der durch Einfluss des Atlantiks entstandenen Inversion in 960 hPa spielend leicht 35 Grad erreicht. Selbst am oberen Rand der Grafik bei 100 hPa ist die Tropopause noch nicht erfasst. In dieser Luftmasse weist selbige also Temperaturwerte von weit unter -70 Grad und eine Höhe von deutlich über 15 km Höhe auf.

Radiosondenaufstieg Tenerife-Guimar 26.07.2004, 12 UTC:

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Entscheidend für die Erhitzung am Boden war, inwieweit ein Meereseinfluss gegeben war. Im obigen Radiosondenaufstieg ist deutlich erkennbar, wie durch den Atlantik eine niedertroposphärische Inversion entstanden war. Dort, wo allerdings Bodenwinde über größere Landgebiete wehten sowie auch bei ablandigem Wind an küstennahen Gebieten konnte eine außerordentlich starke Erhitzung erfolgen. Vom extrem warmem 850 hPa-Niveau aus entstand dann ein annähernd trockenadiabatischer Temperaturverlauf, was zu diesen recht spektakulären Maxima-Werten über den Kanaren, Nordwestafrika und dem Süden Portugals und Spaniens führte.

Hier eine Karte mit einigen Maxima-Werten. Besonders ins Auge sticht natürlich hier der Wert von 42,6 Grad an der Station Tenerife-Sur (Teneriffa, Kanaren). Ansonsten liegt diese Inselgruppe ja im sehr mäßigenden Nordostpassatwindbereich, was unter der Passatinversion ganzjährlich meist zu Tagestemperaturen zwischen 25 und 30 Grad führt.

Maxima°C vom 26.07.2004:

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Mit dieser Bodenwindkarte vom Nachmittag des selben Tages möchte ich die zu dieser Zeit offenkundig ziemlich unerträgliche Wettersituation auf den Kaneren verdeutlichen. Südlich des Bodenhochs kamen bei Ostwind zeitweilig mittlere Windgeschwindigkeiten von bis zu 25 Knoten (Bft 6) zustande, so dass der Himmel einen eher gelblich milchigen Eindruck machte, der wohl durch Saharastaub verursacht worden ist. Urlaub konnte man dies zu dieser Zeit wohl nicht nennen.

Bodenwind, 26.07.2004, 13 UTC:

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Diese äußerst interessante Wetterlage ist ein weiterer Beleg dafür, welche Wetterkapriolen es gelegentlich zur Folge hat, wenn Strömungsverhältnisse, wie hier der Nordostpassat, unterbrochen werden. Dies war mir darum diese Nachbetrachtung wert.

 

Marco Puckert, 1.09.2004